Brief über die Kirche, 1946

Ida Friederike Görres

Frankfurter Hefte 1 (8) (1946): 716-733.

P.S. Sie müssen im Auge behalten, daß, wenn ich an verschiedenen Stellen nachdrücklich gegen den bestehenden Zustand spreche, es nicht leichtfertig geschieht, sondern um zu zeigen, daß ich die Schwierigkeit fühle, von denen manche Geister geplagt werden. 

John Henry Newman an Keble 6. Sept. 1843 

Sehr verehrter Herr Doktor, 

ich glaube unserm Gespräch vom letzten Sonntag abend noch eine kleine Ergänzung schuldig zu sein: es arbeitet immer noch in mir, daß meine Antwort auf Ihre letzte verwunderte Frage so kurz und scheinbar so unzulänglich ausgefallen ist, urid doch war ich froh, daß uns die Abfahrt der letzten Straßenbahn stadteinwärts damals zu so plötzlichem Abschluß zwang. Vielleicht läßt sich nun brieflich leichter sagen, was eine Hemmung nicht über die Lippen ließ. 

Sie erinnern sich: es fing damit an, daß Sie auf die Fronleichnamsprozession zu sprechen kamen, die in diesem Jahr zum erstenmal in unserer Gemeinde stattgefunden hat. Sie, ausgerechnet Sie als Nichtkatholik evangelischer Herkunft, keinem Bekenntnis entschieden zugewandt, doch allem Religiösen freundlich geneigt, spendeten dem seltenen Schauspiel warmes Lob: Immer schon, während der Jahre, die Sie in katholischen Städten verbrachten, so in Freiburg, hätten Sie solche Feierlichkeiten gerne betrachtet und manche Mühe nicht gescheut, um daran teilzunehmen. Auch die Liturgie in den großen Abteien war Ihnen nicht fremd, Sie besitzen sogar einen Schott und verfolgen die Zeremonien mit aufmerksamem Verständnis. Und Sie rühmten die große pädagogische Klugheit der Mutter Kirche, die sich gerade in solchen von der Halbbildung beargwöhnten Einrichtungen offenbare: hier sei echte Volkstümlichkeit, die Massen bannend, die das Gepränge anzieht und beschäftigt, während der Gebildete im esoterischen Mysterienkern uralte Weisheit, Gemeinbesitz aller Hochreligionen zur Stillung seiner tiefsten geistigen und seelischen Bedürfnisse finde Welche Glaubensgemeinschaft, riefen Sie begeistert, wagt es, sich Ähnliches zu leisten! Welche greift so kühn in den Schatz der Jahrtausende und bleibt zeitlos wirksam, während die Kulturgebilde um sie vergehen, das allegorische Wort vom Felsenfundament der Ecclesia seltsam bestätigend. Sie sprachen von Ihren Eindrücken im Sanatorium, in dem Sie gerade den Urlaub verbracht hatten, von der hinreißenden Atmosphäre dieses wahrhaft geistlichen Hauses. Sie lobten die Liebenswürdigkeit der Ordensschwestern, die es führten: so etwas an natürlicher Anmut, Würde, Lauterkeit und Fröhlichkeit gebe es nirgends wieder, - es entspreche genau Ihrem kühnen, aber zuversichtlichen Erwartungsbild von katholischen Nonnen, nachdem Sie schon mit katholischen Priestern die besten Erfahrungen gemacht hätten; der vulgäre Antiklerikalismus, den man sonderbarerweise auch unter Katholiken häufig antreffe, werde Ihnen immer unbegreiflicher und sei doch wohl ziemlich ausschließlich <716> auf politische Verhetzung zurückzuführen. Der durchschnittliche katholische Priester sei jedenfalls, was geistiges Niveau, Haltung und Charakter angehe, eine ebenso Respekt wie Sympathie fordernde Erscheinung; und erst die höhere Hierarchie - Kardinal Graf Galen! Die sichere Führung in den verflossenen Sturmjahren ... 

Hier unterbrachen Sie sich, des belustigten Blickes, der zwischen meinem Mann und mir hin- und herflog, plötzlich bewußt, mit der zögernden Frage, ob wir denn nicht einverstanden seien? „Gewiß, Ihnen als gläubigen Katholiken muß das Lob Ihrer Kirche aus so unbefugtem Mund wie dem meinen fast komisch vorkommen, - wie wenn ein Fremder dem Kind die Schönheit seiner Mutter preist. Sie wissen natürlich hundertmal mehr von den Werten und Vorzügen dieser bewunderungswürdigen Gemeinschaft, die ja dem, der ihre eigentümliche Metaphysik anzunehmen imstande ist, das sacrificium intellectus mit einem verschwenderischen Schatz von Tröstung, Führung und Erbauung vergilt -. 

Nun war die freilich sonderbare Rolle an mir, Ihnen, dem: wohlwollenden, ja begeisterten Außenseiter den Teufelsadvokaten vorzumachen: Gewiß „stimmt", was Sie sagen, und noch viel mehr, als Sie er messen: Sie sehen zum Beispiel die Schönheit und Würde und Eindrucksmacht der „Zeremonien", nicht aber das unablässige Strömen innerer Kräfte aus der Wirklichkeit, die sie nur andeuten und mehr noch verhüllen; das stille, stetige Strömen, das vielen, vielen Katholiken, denen Sie es garnicht ansehen würden, durchschnittlichen, uninteressanten, spießigen Menschen, dennoch das zähe Gefaser ihres Alltags heiligend durchrinnt, wie das Wasser den Schwamm, wie die Luft das Lungengewebe. Sie sahen die imponierende Ordnung und Geschlossenheit der feiernden Menge, aber haben Sie auch einen Hauch des echten, des heißen Jubels wahrgenommen, der sich so ungelenk und Fremden vielleicht garnicht verständlich ausdrückte im sehr unzulänglichen, wenig ästhetischen Gesang, im immer etwas anstößigen, weil leiernd eintönigen und scheinbar mechanisierten Gebet der Gemeinschaft? Jubel über die Innigkeit der lebendigen Nähe Gottes, von der die gewohnten Straßen des Viertels heute noch einen zarten warmen Schimmer tragen? Sie rühmten die entzückende Anmut, den kindlichen Frohsinn der Ordensschwestern, - wissen Sie, aus welchem tiefen, schweren Felsgestein unerbittlicher Läuterung, unwiderruflichen Selbst verzichts, nie unterbrochener Überwindung der Natur im Großen wie im Kleinsten diese Freiheit vom Ich blumenleicht aufsteigt? Wissen Sie etwas von der lautlosen, ungerühmten, einfach vorausgesetzten Selbstverschwendung in Arbeit und Dienst, ohne Schonung, ohne Lohn, ohne Dank, die in solchen Gemeinschaften, wo sie echt sind, nicht als seltene heroische Tat, sondern als das normale Tagwerk gefordert wird, ohne Pause, ohne Urlaub, wie sonst nur noch bei guten Müttern? Und die Priester: sind Sie ihnen eigentlich jemals als Priestern begegnet, <717> nicht nur als klugen oder interessanten Menschen, als Vertretern einer in unserer Welt immerhin noch recht merkwürdigen „Kaste”? Sahen Sie nur das Malerische der Mönche im Chor, die Haltung, die geistige Überlegenheit, - oder hat Sie je ein noch so flüchtiger Eindruck jener strahlenden Klarheit, gewappneten Reinheit und schützenden Güte getroffen, der einen plötzlich an das alte Wort erinnert, daß der Mönch dem Engel gleichen soll? 

Sie kennen den Typ des geistvoll plaudernden, formgewandten Geistlichen im Salon oder gelehrten Zirkel - es gibt ja immer noch den „Abbe" -, Sie kennen Professoren und Politiker, - kennen Sie auch die schlichten Seelsorger, die Leutpriester, ungewandt und schlecht rasiert und oft genug von bäurischen Manieren, wenig bewandert in Literatur und von fürchterlichem Geschmack in den bildenden Künsten, aber wahrhafte Knechte Gottes und ihrer Brüder, ja, allen zum Knecht geworden, um alle für Christus zu gewinnen? Und wiederum meine ich nicht die saftigen, stillvergnügten Timmermanns-Figuren (was ist nicht schon alles zu Literatur geworden!), sondern die müden, beladenen, nervösen Väter ihrer Pfarreien, deren Schlaf nie sicher ist, deren Türglocke und Telefon nie Ruhe gibt vor dem „täglichen Andrang und der Sorge um die Gemeinde"; die verbrauchten und abgehetzten „Kärrner", wie Heinrich Suso sich selbst nannte, die „aufgeschürzt durch die Lachen fahren, damit sie die Menschen aus der tiefen Lache ihres sündlichen Lebens zur Ewigen Schönheit bringen" und denen herzlich wenig Zeit für Musik und Sport und ähnliche „persönlichkeitsbildende" Steckenpferde bleibt; Sie kennen geschätzte und gesuchte „Prominente", nicht aber die Toren, die immer zu kurz kommen und auch von den Eigenen scheel angesehen werden, weil sie unbequeme Vorbilder sind, weil sie, wie „Akkordbrecher" in der Fabrik, den „unerfüllbaren" Ansprüchen der Laien in bezug auf Heiligkeit und Ausnützbarkeit der Priester recht geben, die Toren, die sich verschwenden und verbluten ohne Maß, selbstverständlich wie Mütter, vor denen man plötzlich herzklopfend weiß: So muß der Herr gewesen sein, als er über Land ging, Gutes tuend. Wie soll ich Ihnen überhaupt klar machen, wie der katholische Christ zu seinem Priester steht? Zu viel religionsgeschichtliche „Deutungen" schieben sich dazwischen wie bunte Bilderteppiche, - vom „Medizinmann" in verfeinerter Form bis zum Repräsentanten der kirchlichen „Macht", bis zur „numinosen" Scheu vor den unentbehrlichen Beherrschern und Lenkern unsrer Gewissen, die durch den Beichtzwang unser ewiges Heil in den Händen halten, - ach, es ist doch alles viel einfacher und viel wärmer, viel ernster und viel leichter zugleich. Unsre Brüder, unsre Väter! Wie oft habe ich unsre Nachbarn um die einzig „natürliche" Anrede: „Father”, „mon Pere" beneidet! In denen wir unser eigenes Fleisch und Blut, nicht auf fernem Piedestal, sondern mitten unter uns als Diener Gottes und Ausspender der Geheimnisse erfahren, voll Ehrfurcht vor dem <718> unauslöschlichen Siegel der Weihe, das sie „ausgesondert" hat, und voll wacher, bangender Sorge, ob sie dem schier untragbaren Anspruch des Amtes gerecht zu werden vermögen. - Und Sie darauf: Diese Sorge könne doch heute unmöglich so groß sein. In früheren Jahrhunderten der Kirche waren die bekannten „Mißstände im Klerus" gewiß das Thema aller Freunde und Feinde; für die modernen Katholiken aber konnten sie wohl nicht mehr als einen Alpdruck der Vergangenheit bedeuten, den nur böswillige Angriffslust den Lebenden als Vorwurf vor die Füße zerre. Unsre Geistlichen seien doch wirklich im Durchschnitt über jedes böse Urteil erhaben. - Nun standen wir schon wieder da: Ja, wenn man das so einfach bestätigen dürfte! Als ob die Kirche jemals ohne „Mißstände" wäre oder auch nur sein könnte! Als ob es nur die krassen-und grellen, den sogenannten Skandal gäbe, oder als ob nur solches unser Herz beschweren könnte! So wahr und wichtig alles sei, was ich Ihnen bestätigt hätte und noch viel mehr, - in solch einem geistigen Schlaraffenland, wie Sie bei uns das Ganze sähen, lebten wir nun wiederum auch nicht. Im Gegenteil dem Außenstehenden sei es wohl schwer vorstellbar, wie sehr die Kinder des Hauses zwischen gefüllten Speichern oft darben müssen, wie ahnungslos sie zwischen ihren Schatzkammern dahinleben oder vielmehr vegetieren, wirk lich wie in Spenglers Bild die Fellachen zwischen den Ruinen ägyptischer Königsherrlichkeiten. Nur daß es bei uns keine Ruinen zu sein brauchten und dürften! Haben Sie etwa überhaupt eine Ahnung, wie wenig das Volk eigentlich an den Geheimnissen des Glaubens teilnimmt, mit wieviel Bacher Erbaulichkeit es abgespeist wird, mit trocken rationalistischer Moral oder mit leeren, tönenden Fremdwörtern aus der Halbbildung des Verkünders? Und welch zäher Widerstand die Bemühungen weniger begleitet, den breiten Massen die Schatzkammern wirklich aufzuschließen, - was man seinerzeit die „liturgische Bewegung" nannte? Und anderseits, wie wenig der Aufgeklärte oder was sich dafür hält, teilhaben will an jenen Quellen und Formen der „Volksreligion", die Sie so bewundernd rühmen, wie eingebildet und engherzig er alles verachtet, was nicht in sein sehr dürftiges Schema von „religiöser Bildung" hineinpaßt? Und wieviel religiöse Form, besonders auf dem Land, war längst aus dem Bereich lebendiger religiöser Sitte in den eines rein weltlichen „Brauchtums" zu kirchlichen Anlässen abgeglitten und erstarrt, das ebenso selbstverständlich, ebenso reuelos bei einem Ortswechsel aufgegeben wird, wie die malerische, aber unbequeme Volkstracht. 

Haben Sie denn, fragte ich zweifelnd, in „stockkatholischer" Gegend wirklich nichts andres an kirchlichem Leben wahrgenommen als stimmungsvolle Prozessionen und Maiandachten? Sind Sie nie - das wäre ja geradezu ein Wunder - in eine der vielen Dorf- und Stadtkirchen geraten, in denen das heilige Meßopfer mit so herzloser, geradezu unanständiger Hast heruntergeleiert wird - „zelebriert" kann <719> man da wirklich nicht sagen-, sonntags wie werktags, daß Ihnen auch der Schott nichts nützte, um nachzukommen? Wobei man schwer sagen kann, wer unbeteiligter und gelangweilter wirkt, der Priester oder die Unandächtigen? Haben Sie je einen Karsamstag erlebt, an dem die herrlichste Liturgie des Kirchenjahres vor leeren Bänken achtlos und lieblos „erledigt" wird, ja, wirklich erledigt, daß nichts von ihrer Herrlichkeit übrig bleibt, - während der Zustrom bei der dürftigen abendlichen Auferstehungsfeier klar genug beweist, wie gerne das Volk bereit wäre, das Festgeheimnis geschlossen mit der Kirche zu begehen! Hat Sie nicht der Widersinn gestört, daß am Karsamstag früh Alleluja und Glocken ertönen - und nachher soll man wiederum das Heilige Grab besuchen! Haben Sie sich nicht gefragt, wieso selbst die vielfache verständnisvolle Auflockerung festgefahrener. Gewohnheiten während der Kriegsjahre, in denen doch zum Beispiel das heilige Opfer fast zu jeder Tageszeit gestattet war, mit dieser liturgischen Unordnung des Osterfestes nicht aufräumen, uns die dreitägige Grabesruhe des Herrn und den vollen abendlichen Osterjubel zurückgeben konnte?

Aber das sind vielleicht schon Sorgen der Eingeweihten. Doch - Ihr ritterliches Lob unsres Klerus läßt den Verdacht aufsteigen, daß Sie recht selten in eine Predigt geraten sind. Oder haben Sie daher Ihren Eindruck von der tiefen Verbundenheit der Pfarrer mit dem Leben, den brennenden Fragen, Sorgen und Anliegen des christlichen Volkes? Nicht aus erbaulichen Vorträgen? Meinen Sie wirklich, daß unsre Prediger die einzigartige Möglichkeit: dem willigsten, bereitesten Publikum, dem armen geplagten Christenmenschen, hungrig nach Lehre, Weisung, Führung, das etwas hören möchte über seine Nöte und Fragen, Unmittelbares, Wirkliches, ein Stück Brot zu geben, davon zu leben, - daß sie allgemein aus dieser Möglichkeit etwas machen? Waren Sie nie erschüttert über das lebensfremde, gewichtlose, völlig belanglose Geschwätz, das uns so oft vorgesetzt wird, - aus längst überholten Homilienbüchern zusammengeschrieben, von platten Anekdoten gewürzt, nicht einmal geistreich oder unterhaltend, nur die „Bildung" des Redners, seinen Schatz an Fremdwörtern, seine einstigen „interessanten" Ferienreisen und dergleichen zur Geltung bringend? Oder durch übles Nachschwätzen des gerade herrschenden Modejargons „Aktualität" vortäuschend? Ich erinnere mich einer Predigt in Berlin, vor gedrängt voller Kirche, an einem Neujahrsmorgen, in der es hieß, daß „Christus, der göttliche Feldherr, aus dem Panzerturm des Tabernakels sein Kommando zündend in die Welt schleudere…” Ach, was haben Soldaten, was haben Gefangene, was haben Flüchtlinge erzählt von verpaßten, vergeudeten Gelegenheiten, einzigartigen, nie wiederkehrenden, um aufgerüttelten, wie nie im Leben horchbereiten Menschen die Wahrheit zu verkünden! Gewiß, es gab überall auch gegenteilige, unvergeßliche, gesegnete Erfahrungen, - aber <720> warum sind sie die Ausnahme? Warum ist eine anständige Predigt schon in der normalen Seelsorge die Ausnahme? Warum atmet man auf, überrascht, beglückt, entlastet von sehr berechtigter Sorge, wenn man in fremder Kirche zufällig eine ordentliche Predigt mitkriegt, - oh, ich sage nicht eine schöne, eine gescheite, eine gelehrte, nein, nur eine theologisch einwandfreie, menschlich nicht abstoßende, eine fromme Predigt ohne Phrasen und falsche Töne, eine, über die man sich nicht zu ärgern braucht und die man auch nicht zwischen Bank und Kirchentür schon wieder restlos vergessen hat ... Glauben Sie mir, man kann es kaum wagen, einen „interessierten" Andersgläubigen oder einen frommen Protestanten, einen Katechumenen oder Neukonvertiten „auf Anhieb" zum Gottesdienst in eine Kirche mitzunehmen, die man nicht kennt, - so groß ist die Gefahr, daß, was er da zu hören und zu sehen bekommt, für ein religiöses Gemüt und einen geradegewachsenen Geist geradezu abstoßend wirkt. Und mit Klöstern ist es leider oft nicht viel anders, - man atmet erleichtert auf und dankt unserm Herrn, wenn einer mit solchen Eindrücken kommt wie Sie und nicht mit einem widerwärtigen Geschmack im Mund und einem bitteren, schwer zu widerlegenden Urteil über die peinlichen Gegensätze von frommer Form und Ausdrucksweise und unechter, unwahrer, unreligiöser Menschenhaltung, denen er begegnet ist. Ja, ahnen Sie überhaupt, wie hoch die Zahl der Menschen katholischer Abstammung ist, denen nicht nur ihr, sondern jeder Glaube durch eine „stockkatholische" Umgebung verekelt wurde? Ich selbst habe die glücklichsten Jahre meiner Kindheit und Jugend in Klosterpensionaten verlebt, und meine dankbare Liebe zu den verehrungswürdigen Lehrerinnen und Erzieherinnen ist hoffentlich unauslöschlich. Dennoch weiß ich genau, für wie viele Zöglinge der Weg durch ein solches Haus der Weg in den Unglauben war, - und niemand dürfte behaup ten, daß es sich dabei bloß oder auch nur überwiegend um minderwertige, „sittlich schon angefaulte" Typen handelte. 

Ach, und fragen Sie einmal unter Menschen, die als „weltliche Lehrerinnen" oder Angestellte oder Praktikantinnen in geistlichen Anstalten gearbeitet haben, was sie mitunter - bitte bemerken Sie, mitunter! - an „sozialer Einstellung" und simpelster Gerechtigkeit im Geschäftlichen dort erfahren haben, wo man wirklich zu einigen Erwartungen berechtigt sein dürfte! Als wären das „geistliche" und das praktische Leben zwei himmelweit getrennte Sphären, von denen keine in die andre hineinspielt! Ausnahmen? Alle günstigen und sachlich durchaus berechtigten Statistiken über kirchliche Leistungen dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier wirklich ein wunder Punkt verborgen liegt. Wenn vor dem Krieg in einer deutschen Großstadt eine sozial tätige Frau, auf der Suche nach einer Unterkunft für eine junge uneheliche Mutter bis zur Entbindung, siebzehn klösterliche Anstalten hintereinander anruft und sechzehnmal unerbittlich <721> abgewiesen wird, weil sie auf die - erste - Frage: „Wer übernimmt die Kosten?" keine bindende Antwort geben kann, „nur" die Versicherung, es werde dafür gesorgt werden, und wenn erst die siebzehnte Oberin Verständnis dafür aufbringt, „in Gottes Namen" das Risiko zu übernehmen, - dann stimmt doch irgendwo etwas nicht. 

Und bei aller grundsätzlichen Entscheidung für die katholische Schule: glauben Sie, wir wüßten nicht, wieviel Enge bis zum Fanatismus, wieviel Verewigen des Unzulänglichen, wieviel Ersatz von Tüchtigkeit durch „Eifer" oft genug ihr Kennzeichen war? Daß sie meist nur Notlösung ist und nicht gültige Verkörperung einer idealen Forderung? 

Und unser Klerus. Ich, sagte Ihnen vorhin, wie sehr die Wirklichkeit auch Ihr freundlichstes Lob überwiegt. Zumindest ist unser deutscher Klerus von gutem gesunden Durchschnittsniveau und in seiner Gesamtheit „korrekt". Scheint Ihnen dieses Beiwort karg? Nun, vielleicht muß man einen Blick in die kirchlichen Verhältnisse benachbarter Länder getan haben, nach Osten hinüber, um zu wissen, wie viel schon dieser nüchternste Vorzug einschließt. Wir deutsch-böhmischen Katholiken - was man später „sudetendeutsch" nannte - waren nicht verwöhnt. Es gehört mit zur Tragödie dieses jetzt so furchtbar geschlagenen Volksteils, daß er weithin fast ohne religiöse Erziehung in sein entsetzliches Elend gestoßen wurde, ohne das eine unzerstörbare Erbteil mitnehmen zu dürfen, - durch die Schuld seines Klerus. Die Priester, unter denen wir aufwuchsen! Der Pfarrer, der fünfundzwanzig Jahre nicht Beicht hörte - der Kaplan, der täglich vor der hl. Messe frühstückte - die Selbstverständlichkeit, mit der das Zölibat mißachtet wurde - das krasse Versagen, ja, Nichtexistieren von Seelsorge und Religionsunterricht, denn was unter diesem Namen ging, verdiente ihn nicht von ferne. Nicht das arme Volk war schuld, - ich habe stets gestaunt über den fast unzerstörbaren Drang, der es unter diesen Verhältnissen immer noch in die Kirche trieb. Nie werde ich die Volksmission um 1920 vergessen, die erste seit vierzig Jahren in meiner Heimat, wie die Leute im Morgengrauen aus ihren Walddörfern kamen, stundenweit, nachdem sie noch fast nachts den Stall besorgt hatten, wie sie sich um die Beichtstühle der fremden Benediktiner drängten, stundenlang nüchtern aushielten, - und dann, beim Abschlußhochamt, stellte sich heraus, daß der Pfarrer vergessen hatte, Hostien zu besorgen, und die Menge mußte ungespeist nachhause wandern. Nicht anders, noch krasser, wie aus dem Simplizius Simplizissimus, lagen die Verhältnisse im rumänischen Banat; auch da sind unsre armen Stammesbrüder vielfach ohne religiöse „Weg-Zehrung ins schreckens- und leidvolle Exil gestoßen worden. Was ich dort erlebt und erfahren habe, kann ich Ihnen nicht brieflich mitteilen, Sie würden es für unverantwortlich wüste Skandalphantasien halten.

Was ist dem christlichen Volk nicht an Steinen statt Brot, an giftigen <722> Schlangen und Skorpionen gereicht worden von denen, die zu Dienern am Wort und Ausspendern der Geheimnisse nicht nur „angestellt" und schließlich jahrelang ausgebildet, sondern geweiht und besiegelt worden sind! Und fragen Sie Weitgereiste nach ihren Erfahrungen - etwa auf dem südamerikanischen Kontinent!

Wer von solchen Dingen eine Ahnung hat, ist freilich heilfroh, in einem Land zu leben, wo der Klerus im breitesten Durchschnitt das Prädikat „korrekt" verdient. Genau wie der Historiker - und etwas geschichtlichen Sinn und Überblick müßte doch jeder Katholik haben - immer wieder erleichtert feststellt. wie herrlich weit wir es gerade betreffs klerikalen „Niveaus" gebracht haben, und wie dankbar wir sein müssen, schon fast ein Jahrhundert lang lauter vorzügliche Päpste zu haben. Was muß es gewesen sein, in einer zwei- oder gar dreihäuptigen Christenheit zu leben, ohne jede Möglichkeit, als Zeitgenosse den richtigen Papst zu erkennen - selbst Heilige ergriffen gegensätzlich Partei -, während jeder der Rivalen den andern samt Anhang mit dem Bann belegte! „Seien Sie froh, daß unsre Bischöfe sich nicht um Tänzerinnen duellieren, wie im Rokoko", pflegt ein alter geistlicher Freund von uns ermunternd zu brummen, „das wäre viel anstrengender als nichtssagende Hirtenbriefe und der Amtsschimmel der Ordinariate, über den sich manche Leute hierzulande schon ereifern!" - Und als ich kürzlich auf einem süddeutschen Schloß ein „Prälatenzimmer" voller Porträts von lebenslustigen Kardinälen, Äbten, Stiftsdekanen und andern Würdenträgern mit Allongeperücken und mächtigen Brustkreuzen sah - prachtvolle Typen von stiermäßiger „Vitalität''; Köpfe von Feldherren, Diplomaten, Salonlöwen, nur nicht von Priestern -, da mußte ich ihm gerne recht geben. Simonie und Wucher und Ausschweifung sind ja wirklich als geistliche Standes liebhabereien schon längst aus der Mode gekommen. 

(Daß sich auch der grobe: Skandal nie ganz vermeiden läßt, weiß jeder Verständige, er weiß aber auch, wie bedeutungslos derlei für das „Wesen der Kirche" ist, wie sehr Ausnahme, wie garnicht „symptomatisch". Er weiß das, wenn einem auch - ganz leise gesagt - mitunter ein handfestes böhmisches oder ungarisches Ärgernis erträglicher vor käme als die seelischen Curiosa, die noch im Rahmen der „Korrektheit" Platz finden können.) 

Dies alles zugegeben - und immer angesichts der beglückenden, wahrhaft strahlenden Priestergestalten, für die wir Gott nicht genug danken können, - aber: ist es wirklich so unbescheiden und undankbar, wenn viele Gläubige beim Gedanken an ihren Klerus nicht recht froh werden können? Wenn sie meinen, es müsse ja nicht gerade Simonie oder Blutrache sein, wie in andern Zeiten, - aber es sei schlimm genug, wenn man die Herzenshärte als ein garnicht seltenes Merkmal von Geistlichen beklagen müsse: Ja, die Herzenshärte, den tiefen Mangel an Güte, an Liebe, an Mitgefühl und Verständnis für <723> fremdes Schicksal, - menschlich und christlich ein schmerzlimer und erschreckender Mangel, doppelt enttäuschend an denen, für die zuerst von allen Gläubigen das Wort vom Zeichen gesagt ist, an dem man die Herrenjünger erkennen sollte. War das immer so? Ist es besondere Signatur der Zeit? Ist es die eigenartige Teilnahme an den Grundübeln einer Periode, die geistige Ansteckung, in der stets der Zug als deutliche Anfechtung innerhalb der Kirche auftritt, den sie besonders betont in der „Welt" verurteilt und bekämpft? So wäre diese kalte und zumindest passive Lieblosigkeit gleichsam die blasse Spiegelung der Grundwelle von Haß und Bosheit, die heute über die Welt geht? Oder ist vielleicht solche Gemütsarmut, Kargheit und Unerzogenheit des Herzens notwendige Folge und Auswirkung eines nur mehr negativ begriffenen und bewältigten Zölibats, der, statt frei zu machen für vielfache väterliche, brüderliche Begegnung, den Einzelnen starr und eisig in das unüberwundene Ich sperrt? Wäre diese Herzenshärte also Symptom für einen Mangel an Frömmigkeit - also nicht nur für fehlende Liebe zu den Menschen, sondern, viel tragischer noch für Träger des heiligen Amtes, für fehlende Liebe zu Gott? Ich kann und will Ihnen nicht Einzelheiten aufschreiben, - aber glauben Sie mir, das sind nicht Verallgemeinerungen und Phantasien aus der Schneckenhausperspektive der Schriftstellerklausur. Fragen Sie die Menschen der tätigen Liebe, aus der Caritas, der Fürsorge, aus den verschiedensten Formationen, die sich heute handelnd, bahnbrechend, unermüdlich mit bewundernswertem Eifer, mit ergreifender Zuversicht, hoffend gegen jede Hoffnung, der Sündflut menschlichen Elends entgegenwerfen; fragen Sie, wo sie das wenigste Verständnis, den dumpfsten passiven und sogar aktiven Widerstand gegen ihre heroischen Anstrengungen finden, die taubsten Ohren, die am besten mit Sattheit und unerschütterlicher Trägheit gepanzerten Herzen; fragen Sie, wer sich vor ihrem Anruf, ihrem Bitten und Betteln am zähesten zu drücken weiß, - nein, Ihnen werden sie ja nicht antworten, diese Getreuen und Selbstlosen, vor allem nicht die vielen vorbildlichen Priester unter ihnen; aber unter uns gestehen sie, daß ihnen schier das Herz bricht über das, was sie oft bei den Priestern noch halbwegs verschonter Landgemeinden erleben. Und dieses Beispiel macht natürlich Schule, darauf berufen sich vor allem die „frommen", das heißt: die kirchentreuen Bauern. Wie soll diesem Ärgernis, das allmählich riesengroß wächst, gesteuert werden? Fragen Sie Gemeindeschwestern und Seelsorgshelferinnen, - Sie würden sich wundern über die Bitterkeit, die Verbitterung, die bei den Menschen reinsten Wollens, hingebendster Begeisterung nach ein paar Jahren enger Zusammenarbeit mit den Priestern erwächst; über die Enttäuschung bis zur Verzweiflung bei jungen ehrlichen Menschen, die ihr Letztes und Bestes im Dienst am Weinberg Gottes hingeben möchten. Woran ihre Freude, ihr Vertrauen, ihre Ehrfurcht allmählich zerbricht, ist nicht das krasse Argernis, <724> bewahre!, wohl aber die Kälte und Härte, die selbstsüchtige Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit so vieler Seelsorger.

Immer wieder steht man vor der quälenden, schwermütigen Frage: Warum gibt es so wenig wirklich fromme Priester? So wenige, die vom täglichen Umgang mit Gott nur einen Strahl in ihrem Wesen widerspiegeln? Mit denen der nach religiösem Wachstum hungernde Laie in ein geistliches Gespräch kommen kann? Sie heißen die „Geistlichen", - welch ein Name! Warum sind die Pfarrhäuser so selten, in denen man etwas wie eine geistliche Atmosphäre verspürt? Der simple Christ ist nun einmal nicht so bescheiden, daß er schon beglückt ist, eine „gebildete" Luft dort vorzufinden oder etwas von menschlicher Gemütlichkeit - gewiß, auch das ist schon erfreulich und leider fast überraschend -, aber, schließlich und endlich, das kann der Laie auch billiger haben, um dieser Werte willen braucht er kein Pfarrhaus aufzusuchen; er möchte etwas von der Versenkung in Gott spüren - von der Nachfolge Christi-, von der Gegenwärtigkeit Gottes in den Menschen; er möchte dort geistliche Menschen vorfinden, er meint, so ein Haus sollte doch eigentlich ein Kristallisationspunkt von Leuten sein, denen die Sache Gottes das selbstverständlichste, das brennende Anliegen ist; er meint, dort vor allem müßte das echte religiöse Gespräch beheimatet sein, nicht nur im engsten seelsorglichen Tete-a-tete, auch im lockeren Kreis der Zugehörigen: nicht nur die familiäre oder intellektuelle oder musische „Geselligkeit" (oder ihr bloßer snobistischer Abklatsch), nicht die betonte Anpassung an die Weltlichkeit und die „Weltlichen" ... 

Ist es nicht tiefstes Mißverständnis der Sehnsucht des Laien, wenn gerade ein Priester die mehr oder weniger zur Schau getragene Verweltlichung als den einzigen Zugang zu uns betrachtet, - sie verhängnisvoll verwechselnd mit Natürlichkeit und Einfachheit? Gewiß haßt und scheut der Laie die gewisse klerikale „Salbung", Steifheit und Pose, durch die vor allem frühere Priestergenerationen vielfach ihre Würde und die Distanz vom profanum vulgus unterstreichen zu müssen glaubten. Aber gibt es dazu wirklich keine andere Alternative als jenes Anbiedern durch gespielt mondänes Auftreten? Es imponiert uns gar nicht, wenn sie uns imponieren wollen durch Weltgewandtheit und „Zackigkeit", gelegentlich auch einmal durch Künstler-Allüren oder durch Sportlichkeit, sogar durch Eleganz, am wenigsten aber durch einen peinlich „freien" Ton der Frau gegenüber - und über die Frau! -, der „Unbefangenheit" markieren soll und doch nur innere wie äußere Unerzogenheit und Unsicherheit verrät. Soll solches Verhalten dem Vertrauen die Türe öffnen, - dem religiösen, dem heiligen Vertrauen, das der Gläubige seinem Priester als dem Stellvertreter Gottes - erschreckendes Wort! - entgegenbringen möchte, - wie sehr möchte! <725>

Und wenn wir schon bei diesem Namen sind, der, vielen Nachdenkens wert, bei dem, der ihn tragen muß, doch eigentlich nur demütigste Beschämung hervorrufen müßte: muß es sein, daß er so oft statt dessen Grundlage und Freibrief für jene starr autoritäre, dünkelhafte und unduldsame Haltung ist, für die das sehr böse, leider nicht ganz unzutreffende Wort vom Klericofaschismus geprägt worden ist? 

Warum finden wir soviel mehr Eifer und Wachsamkeit, was die kirchlichen „Machtpositionen" angeht, als für das Wachsen des Gottesreiches in den Seelen? So viel eher ein bloß strategisches Verhältnis zur Welt als ein seelsorgerliches? Soviel Mißtrauen.und Eifersucht gegenüber Selbständigkeit.und Initiative des Laien, trotz aller Rede über Laienapostolat und Katholische Aktion? Eine so verblüffend ge schickte, unbeschwerte und folgerichtige Taktik, wenn es gilt, solch unerwünschte Erscheinungen zu umgehen, auszuschalten und kaltzustellen? Unwillkürlich fällt einem Newmans-schmerzliche Ironie ein, seit altersher herrsche in gewissen kirchlichen Kreisen die Tradition, „daß der Laiengeist barbarisch sei - wild und blöde -, und jene feine List sei die eigentliche Waffe der Prälaten ...'' 

Ja, und als wir so weit waren, sagten Sie fassungslos, „Ja; wenn Sie so von Ihrer Kirche denken, warum sind Sie dann überhaupt römisch-katholisch? Vor vierzig Jahren wären Sie mit solchen Ideen in der Los-von-Rom-Bewegung gelandet, und vor vierhundert Jahren zweifellos bei Luther-". Da rasselte der Wecker, den wir vorsichtshalber gestellt hatten, und Sie mußten eiligst zur Straßenbahn aufbrechen. 

Sehr verehrter Herr Doktor - jetzt bin ich endlich am Brennpunkt unseres Gespräches-, und Ihre Frage zeigte mir unübertrefflich und blitzartig, wie weit da unsre Auffassungen auseinandergehen. Warum ich - warum wir, denn ich rede für viele - doch katholisch sind? 

Weil wir die Kirche lieben! Diese unsre Kirche! Weil wir sie lieben, wie nichts anderes auf Erden geliebt wird; mit einer Liebe und Leidenschaft, mit der sich keine, aber auch gar keine andre vergleichen, nein, nicht einmal im gleichen Atem nennen läßt, - ja, gerade von dem, der weiß, was Liebe unter Menschen ist, Liebe der Ehe, der Freundschaft, der Familie, Liebe zu Volk und Heimat. Denn diese Liebe: rückhaltlos, vorbehaltlos, unwiderruflich - Gott gebe es! -, ist ein Teil - oder ist das falsch? eine Gestalt unsrer Liebe zu Gott - etwas so Innerstes, Intimstes, daß man fast nicht darüber reden kann, ohne sich weh zu tun, - aber Sie haben gefragt, sei es, so muß ich heute „wie ein Tor" Antwort geben. 

Unsre ganze Kritik ist nichts als Zorn und Klage der Liebe, weldle nicht blind oder schwärmerische Verliebtheit ist, keine Angst vor dem Irrewerden am Ideal kennt, der nüchternen Liebe, welche sehend. ja hellsichtig macht, die sich's leisten kann, scharf zu sehen, alles zu sehen, ohne Vertuschen, ohne Ausweichen, ohne Ausreden, weil sie alles hofft, alles glaubt, alles duldet, alles übersteht. Unser Zorn und unsre <726> Trauer um so vieles Einzelne entspringt unserm Wissen um ihre, der Kirche Herrlichkeit und Würde, ihre unantastbare Hoheit: weil sie die Kirche Christi ist. An dieser, ihrer geistigen Wirklichkeit, nicht an einer abgezogenen „Idee", nicht an einer „idealen Forderung" messen wir jeden Zug ihrer sichtbaren Gestalt. Wir können und wollen und dürfen uns zu keiner „unsichtbaren Kirche" flüchten aus dem Jammer und der Beschämung, der Blamage und dem Ärgernis, welche die sichtbare uns nur zu oft bietet: es gibt nur sie, die Eine heilige katholische und apostolische Kirche, sichtbar und unsichtbar zugleich, wirklich in beidem, anzunehmen, zu bejahen, zu ehren, zu lieben in beidem, uns anvertraut, daß wir ihr Geheimnis in der Knechtsgestalt durch die Zeiten tragen, bis der Herr wiederkommt, - der von uns Rechenschaft fordern wird für jeden Fleck auf ihrem Gewand, jeden Makel auf ihrem Angesicht. Ach,- wir selbst, wir Zürnenden, wir Klagenden, wir wissen doch ganz genau, daß auch wir ein Stück dieser Makel sind, gegen die wir Sturm laufen, wir, ihre getreuen und liebenden, ungebär digen, ungeduldigen, törichten und ungerechten Kinder, die wir alle unser gerütteltes Maß dazu beitragen, daß der Name Gottes gelästert wird unter den Heiden! Aber, daß wir dies sind und wissen, - entbindet uns das von der Verantwortung, von der Pflicht, zu wachen, zu spähen, zu sichten, zu wägen, zu warnen, mitzudenken, mitzutragen am Werden der Kirche? Erlaubt uns das irgendeine billige Entschuldigung, ein Schönfärben und Leisetreten? Wäre nicht viel eher jenes Nichts-zugeben, Alles-rechtfertigen, das manchen als Inbegriff wahrer Kirchentreue erscheint, eine höchst bedenkliche Haltung, - nur zu verwandt jener Kollektiveitelkeit und Selbstgerechtigkeit in Familie, Stand oder Nation, die nichts andres ist als die maßlos erweiterte Selbstgefälligkeit des Ich, dem alles „Eigene" und deshalb auch alles Verwandte und Zugehörige untadelig und hoch zu loben erscheint? 

Meine Antwort ist erst halb, verzeihen Sie, - mit Recht müßten Sie jetzt fragen: warum liebt ihr die Kirche so, wenn ihr sie doch so unerbittlich, so unbarmherzig seht? Auf das tiefe Geheimnis, das die Worte „mystischer Leib Christi" mehr verhüllen als ausdrücken, will ich nicht eingehen: es läßt sich brieflich nicht besprechen, aber so viel darf ich Ihnen sagen: Weil sie die Wahrheit trägt: das, das macht unsre Herzen erzittern vom unaussprechlichen Schauer der Gottesbegegnung: weil sie, genau wie Christus von sich sagt: „dazu geboren und in die Welt gekommen ist, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben". (Joh. 18, 37). Darum allein: Wenn das nicht wäre! Alles sonst, was andre, was zum Beispiel Sie an der Kirche bewundern, uns vielleicht beneidend: der pädagogische und künstlerische und kulturelle Reichtum, das seelische Geborgensein in einem Kosmos von unerhörter, einziger Fülle, - alles das könnte uns gestohlen werden, wäre es auf einer Lüge, einem Traum, einer Illusion aufgebaut. Nie habe ich begreifen können, wie Andersgläubige, aum Sie, verehrter Freund, um ihrer <727> Caritas oder Kunst oder Ordnungsmacht oder Weisheit willen der katholischen Kirche so lächelnd und großmütig Reverenz bezeugen können, wenn Sie doch glauben, daß die Macht über den Menschen, welche alle diese geistige Fruchtbarkeit hochtrieb, letztlich auf einem falschen Anspruch fußt. So ungefähr: „Wenn es die katholische Kirche nicht gäbe, müßte man sie erfinden, ob das, was sie als Dogma zu ihrer Begründung darstellt, im übrigen wahr ist oder nicht." Ganz im Gegenteil! Auf das Letzte allein kommt es uns an. Wenn dieses Eine nicht stimmt, wenn nicht sie, sie allein, als Ganzes, als Körper, als „Anstalt", das Gesamt der geoffenbarten Wahrheit, das heißt der Botschaft Gottes über sich selbst, über den Menschen, über die Welt enthält und trägt, so ganz, so eins, daß nicht ein Stückchen abgebrochen werden oder verloren gehen darf, und mit der unfehlbaren Entscheidung darüber, was eigentlich in diesem ungeheuren Konglomerat von Lehre, Kult, Auslegung, herauskristallisiertem Brauch und Ansatz das Ur-Erbe ist und was Menschenwerk, darüber, was man glauben muß und was man - glauben darf und kann und soll: wenn die Kirche also nicht das Organ der vollen Botschaft Gottes auf Erden ist, Vermächtnis und Stiftung Jesu Christi, dann gibt es doch für den, dem an der Wahrheit etwas liegt, nur die eine Lösung: écrasez l'infâme, - vernichtet die Verfluchte. Dann ist sie nämlich der Antichrist, das fleisch- und formgewordene Prinzip der Lüge, und ihre sämtlichen „kulturellen Werte und Verdienste" sind nichts als der riesenhafteste Apparat der Verführung. Darum liebe und ehre ich die Protestanten, die aus solchem Ernst her aus die Kirche den Antichrist nennen, - auch Newman tat es, viele Jahre hindurch, und bei diesem Liebenden der Wahrheit war es ja auch garnicht anders möglich -, weil sie der Kirche die Ehre antun, ihren ungeheuren Anspruch an das christliche Gewissen ernstzunehmen, und seine Ungeheuerlichkeit, wenn er falsch wäre. 

Wir aber, die wir diesen ihren Anspruch hören und glauben: daß, wer die Kirche hört, Gott hört, die wir glauben, daß, wenn ein Engel vom Himmel käme mit andern Ansprüchen, so sei er verflucht, - wir „suchen" bei ihr zuerst weder Kultur noch Weisheit der Menschenführung noch Ordnung der Völker und der Gesellschaft noch die gewaltige Macht der nothelfenden, tränentrocknenden Caritas: wir suchen die Wahrheit Gottes in ihr und das „Amt der Versöhnung" (2. Kor. 5, 18), das Kommen Seines Reiches, - und siehe, all das andre wird uns nachgeworfen! 

Lächeln Sie, daß ein Mensch heute noch so naiv und pathetisch annehmen kann, „die Wahrheit" sei irgendwo so absolut, so wirklich, so massiv vorhanden, daß man sagen könnte: hier ist sie und dort ist sie nicht? Glauben Sie mir: gerade weil wir wissen, wie dunkel und unergründlich das Geheimnis „Gott" ist; wie sehr Er sich im unzugänglichen Licht verhüllt hat; wie inkommensurabel menschlichem Denken, Grübeln, Fragen und Forschen; wie jeder Begriff und jedes Wort <728> zerbrechen, die Ihn stammelnd fassen wollen; wie recht die Alten hatten, die nicht einmal den Gottesnamen auszusprechen gestatteten, weil schon das „eigentlich" über Menschenmaß und -kraft und -würdigkeit hinausgeht: je mehr man das weiß, Herr Doktor, je mehr man das Ungefähre und Ungenaue menschlicher Denkbemühung kennt und die unendliche Mannigfaltigkeit und Verschlungenheit und Undurchsichtigkeit der Irrtumsmöglichkeiten und etwas ahnt vom Weg der Wahrheit unter den Menschen: desto weniger naiv und selbstverständlich redet man vom „Besitz" der Wahrheit, sondern weiß auch, was „Offenbarung" heißt und „depositum fidei", hinterlegtes Erbe des Glaubens, Wahrheit als Anvertrautes, als das Gnadengeschenk Gottes über alles Suchen und Erwarten hinaus, auf den Knien zu empfangen, mit der Stirn im Staube zu verehren, mit unsäglicher Dankbarkeit und immerdar stammelnder Ehrfurcht zu bewahren und zu bewachen, mit lebendigster Sorge, mit empfindlichster Eifersucht, der unendlichen Gefährdung dieses Kleinods in unsern Händen hellwach bewußt. Dann erst wissen wir aber auch, was uns die Kirche bedeutet. Wie dürfte da ein kindischer Dünkel aufkommen auf den „Alleinbesitz"? Ist damit auch nur ein Wort ausgesagt darüber, wie wir umgegangen sind und umgehen mit diesen geheimnisvollen Samenkörnern des Ewigen, mit diesen Funken vom Wissen Gottes über Sich selbst und die von Ihm geschaffene Wirklichkeit? Auch dieser Schatz kann brachliegen, eingesperrt, verdunkelt, verschüttet werden. So haben wir die Wahrheit Gottes zu jeder Zeit auch behandelt, und es ist eine Tragödie für sich, wie die „Besitzenden" mit dem anvertrauten höchsten Cut oft umgesprungen sind, während jene, die nur Splitter davon besaßen, zuweilen mit ihrem Anteil Wucher getrieben haben. Auch hier hat mancher Satte und Sorglose das heilige Brot mit Füßen getreten, und mancher Hungernde hat die Brösel wie Kleinodien gehortet. 

Und trotzdem ist der Schatz der Kirche anvertraut. 

Deswegen können keine „Mißstände" unsre Liebe zu ihr erschüttern und irre machen. Hier wie nur je gilt das berühmte Newman-Wort, daß zehntausend Schwierigkeiten noch keinen einzigen Zweifel ausmachen, so wenig wie zehntausend Ponys ein Pferd. Auch in den finstersten Zeiten ihrer Geschichte, auch in den Bezirken ihrer ärgsten Entartung hat sie nicht aufgehört, Gefäß der Wahrheit zu sein und das Eine Unersetzliche, das wahrhaft „höchste Gut". auf Erden durch die Zeiten zu tragen, auch wenn ihre gerade bestehenden Glieder, auch wenn selbst die Verantwortlichen nicht mehr davon wußten und begriffen wie die Kühe von der Bundeslade, die sie zogen. Um dieses Einen willen verzeihen wir unsrer Vergangenheit vieles und unserer Gegenwart auch, und mögen die Kommenden uns einmal auch dafür das Viele vergeben, das wir an Schuld und Beschämung für sie auf häufen! <729> 

In diesem Wissen wurzelt auch der teils sehr grimmige, teils so milde Humor, mit dem Katholiken oft selbst krasse „Mißstände der Kinne" behandeln, eine Leichtigkeit, die ernsthaften Andersgläubigen oft wie Leichtfertigkeit, ja wie Frivolität erscheinen will. Niemand reißt wohl so scharfe Witze über die Klerisei, über gewisse Begleiterscheinungen der Beichtpraxis und ähnliche Dinge wie wirklich gute Gläubige unter sich, und doch dürfen Sie diese Haltung nicht mit jener verwechseln, nach der man „die besten Führerwitze immer von Parteibonzen zu hören bekam". Nein, es ist weder das Ressentiment der Unterdrückten, das sich hier hämisch Luft macht, noch das zynische Augenzwinkern der Auguren, die sich untereinander nicht mehr zu genieren brauchen. Es ist vielmehr der echte so sehr der Demut verwandte Humor, der den Freimut des Bekennens so gut umschließt wie das dankbare Wissen um die Inkommensurabilität der Schäden mit den Werten. Und sehen Sie - Chesterton hat es vielleicht am deutlichsten ausgesprochen -, wir dürfen auch über vieles Bedenkliche in der Kirche lachen und Spaß machen, weil wir sie lieben. „Was man liebt, darüber lacht man", nicht „lacht man aus" - „to laugh at", heißt der präzisere englische Ausdruck. In welcher guten Ehe lacht nicht der Mann über die Frau, die Frau über den Mann? Das löst viel oberflächliche - und manchmal nicht nur oberflächliche - Spannung und Unstimmigkeit, die schließlich auch in der besten Ehe „dazugehören" und dennoch me zu einem Bruch der Einheit führen, welche in ganz andern Tiefen vollzogen ist. 

Der Liebende kennt, wie ich schon sagte, den leidenschaftlichen Schmerz und die unstillbare Traurigkeit über die schuldhafte Unvollkommenheit des Geliebten, und so gibt es eine christliche und eine katholische Traurigkeit als Gewohnheit, möchte ich fast sagen, als einen verborgenen Bestandteil dieser unsrer Liebe. Aber es gibt auch die unerschöpfliche Nachsicht, die nie überforderte Geduld des Liebenden gegen die natürlichen Gebrechen des andern: auch in dieser Liebe. Sehen Sie, auch wir wissen doch ganz genau, daß es sozusagen chronische Übel in der Struktur der Kirche geben muß. Zum Beispiel alle Belastung, die ein auf Autorität und Gehorsam gebautes Gebilde habea muß, das von Menschen, wie sie sind, verwirklicht wird. Da hilft kein Ausspielen der „Liebeskirche" gegen die „Rechtskirche", die letztere gehört genau so gut zum Wesen, und ihre Kanten und Schroffen werden immer fühlbarer sein, als uns lieb ist. Oder die lange Verbundenheit der Kirche mit den „konservativen", das hieß einmal wirklich den erhaltenden, verantwortlichen Kräften der Staaten, aus sehr vielen verschiedenen Ursachen, ist eine vielleicht nicht „wesensnotwendige'', aber eine geschichtliche Tatsache; aus ihr erwuchs während der allmählichen Gewichtsverschiebung innerhalb der europäischen Gesellschaft jene Verbindung mit den „reaktionären" Kreisen, die so gerne und heftig „der Religion" zum Vorwurf gemacht wird. Es wäre leidet sehr <730> schwierig, den Nörgelnden die Verwicklungen des echten Sachverhaltes klar zu machen. Die es am nötigsten hätten, sind, da sie ungeschichtlich denken und nur dem Eindruck preisgegeben sind, meist nicht in der Lage, einer solchen Darstellung zu folgen, auch haben sie wohl meist wenig Lust dazu. Wir kommen so wenig an die überaus fromme alte Gräfin heran, die sich rühmt, weder einem Protestanten noch einem Bürgerlichen je die Hand gegeben zu haben, - und dies als Beispiel ihres „katholischen Sinnes für Ordnung" -, wie an den Geistesverwandten, der doziert: „Mit Ketzern duzt man sich nicht", wie an die Verkäuferinnen, die sich auf den Parkbänken erzählen, die katholischen Kirchen seien so gefüllt, weil der Klerus wegen seiner bekannten Verbindung mit den Kapitalisten jede Konversion mit dreihundert Mark bar zu honorieren in der Lage sei. 

Oder wir wissen natürlich, daß in einer „stockkatholischen" Gegend die Gesamterscheinung garnicht erfreulich sein kann (aber, Hand aufs Herz: ist eine unreligiöse Menge denn wirklich erfreulicher?), weil die Mehrheit ihrer Natur nach eben das Gegenteil einer Elite ist. Wo der Geschmack einer Masse herrscht, was soll dabei herauskommen? Und wo der Klerus weitgehend ihr Produkt ist, was kann man schon von seinem „Niveau" verlangen? Einige Jahre „Spezialausbildung" könnten auch dann ein Menschengewächs nicht neuschaffen, wenn unsre kühnsten Träume von idealer Priesterbildung erfüllt wären. Auch ist es ganz unvermeidlich, daß, wo immer das eigentlich Kirchliche noch einen weiten, vielstufigen Spielraum menschlicher Tätigkeit bildet, dieses Feld eine magische Anziehung auf die Ehrgeizigen, die Intriganten, die Glücksspieler, Streber und Hochstapler und Ellbogentypen ausüben muß und die „gute Sache" zum Tummel- und Weideplatz auch solcher Gestalten wird. Ebenso ergibt sich von selbst, daß eine so große Heerschar, wie der katholische Klerus - und die größere der Ordensschwestern - sie vorstellt, nicht aus lauter „Berufenen" bestehen kann; doch ist vielleicht der Priester unter den Kirchenbeamten auch nicht seltener als der echte Lehrer unter den Schulmeistern, der Arzt unter den „Medizinern", der -echte Soldat unter den „Militärs" und Landsern. Wir wissen aus langer Erfahrung: wenn man es wagt, eine Idee aus Wolkenhöhen in den groben Lehm der Wirklichkeit einzukneten, entstehen wunderliche und durchaus nicht „ideale" Spielarten. So ist zum Beispiel der Zölibat als Prinzip richtig und notwendig, darau ändern alle berechtigten Einwände und Bedenken nichts, und trotzdem wird seine Verwirklichung immer zu wünschen übrig lassen; nichts kann diejenigen, welche nicht bis zu seiner geistigen und geistlichen Bewältigung vorstoßen, daran hindern, Ersatz in vielen Sackgassen zu suchen: im Machttrieb oder im Kult der Bequem lichkeit, in Sentimentalität oder Gefühlssperre, in allen möglichen Weisen verkappter Erotik. Auch werden Männer, denen der normale Weg zum Mannwerden - an der Frau und durch die Frau - <731> verwehrt ist und die nicht den zweiten, schwereren zur geistigen Väterlichkeit finden, allzuleicht in jener eigentümlichen Unreife und Unmännlichkeit steckenbleiben, die nicht selten den Kleriker kennzeichnet. Wie sollte solch irgendwie verbogenes Menschentum dann die beste Unterlage für seelisches Wachstum zum Vollalter Christi abgeben! Aber sind die Ungezählten, welche der Unauflöslichkeit der Ehe nicht gewachsen sind und an ihr noch ganz anders zerbrechen und verkümmern, ein Einwand gegen die Ehe? 

Das sind schlichte psychologische Gesetzlichkeiten, die mit „Religion" noch garnichts zu tun haben, aber vor ihrer Grenze auch nicht Halt machen. Warum erwarten denn die Leute immer mit unvorstellbarer Naivität, daß innerhalb des kirchlichen Raumes sozusagen die Schwerkraft der menschlichen Natur zu wirken aufhöre, so daß sie Zeter und Mordio schreien, wenn sie doch bemerkbar wird? 

Widerrief ich nun meine eigene Kritik von vorgestern? O nein, ich habe sie nur an den richtigen Platz geordnet! Sie wollte Ihnen ja nur zeigen, wie anders wir unsre Zugehörigkeit zur Kirche verstehen und begründen als in einem bloß naiven „Patriotismus" oder einer kindlichen „Geborgenheit" oder einem prächtigen Kulturerbe zuliebe. Natürlich gibt es auch dieses Kirchengefühl, und es ist sogar recht verbreitet. Man kann auf sehr weltliche Weise christlich, man kann auf rein natürliche Art „katholisch" sein: durch Geburt und Gewohnheit, oder wie man einer politischen Partei angehört. Es gibt auch hier sogar einen „Hurrapatriotismus" mit Demonstrationen und Propaganda, mit tönendem Pathos vom „Sieg" und „Triumph der Kirche", mit stolzem Behagen an hohen Ziffern der Statistik, an „Hunderten von Skalps", wie Newman verblüffend drastisch sagt, - Sie kennen ja auch diese Leute, die selig sind, wenn einmal ein Katholik den Nobelpreis erhält (wie sie erpicht die Katholiken, besonders die Zöglinge geistlicher Anstalten, unter den Ritterkreuzträgern zu zählen pflegten!), die sich durch jedes nonchalante Kompliment eines ungläubigen Literaten geschmeichelt fühlen und eine Ehrung der Kirche buchen, wenn ein erfolgreicher Film eine sympathische Priestergestalt vorführt. 

Nein, unser Verhältnis zur Kirche wächst allein aus unserm Gottesverhältnis, sie steigen und fallen miteinander. Das erste Zwiegespräch des Priesters mit dem Täufling, sei er erwachsen oder ein unmündiges Kind auf dem Arm des Paten, lautet: „Was begehrst Du von der Kirche?" „Den Glauben". „Was gibt Dir der Glaube?" „Das ewige Leben". 

Dieses Zwiegespräch erfüllt unser ganzes Leben mit der Kirche. Da sie uns den Glauben mitteilt und nährt und hütet, nehmen wir gerne jede denkbare „Belastung" mit in Kauf, - hier gewinnt die Parabel vom vergrabenen Schatz im Acker und von der Perle buchstäbliche Bedeutung: dafür ist kein Preis zu hoch, nein, keiner. <732> 

Deshalb sind auch die Gemeinschaften auf dem Holzweg, die da meinen, sie könnten die „Rosinen" des Interessanten und Sympathischen, das Herzerhebende und Ergreifende, die psychologischen Feinheiten und die künstlerische Schaffenskraft aus unserm Kuchen holen - Liturgie und Mysterien, Aszese und Mystik, monastische Idee und Heiligengestalten - und uns den ordinären, altbackenen und angebrannten Teig, der doch keinen Gaumen mehr reizte, des „Dogmenzwangs", der Moralgebote und des klerikalen Verwaltungsapparates überlassen, mit dem zu belasten sie sich klüglich hüten, weil er so viele Menschen „abstößt". Sie irren sich, diese Eklektiker, trotz allen Konjunkturerfolgen; alle abgerissenen Blüten, noch so stilvoll und apart auf intellektuellem Draht montiert, ergeben keinen lebendigen Rosenstock, mit samt seinen Dornen und Läusen und welken Blättern und verfaulten Knospen. Die lebendige Kraft aber, die nach jedem Winter, nach Brand und Seuche aufs neue die blühende Pracht hervortreibt, die wir wahrlich nicht erst aus fremden Herbarien zu sammeln brauchen, ist einzig und allein die Macht der geglaubten und gelebten Wahrheit. 

Haben wir aber den Preis bezahlt, von ganzem Herzen und ohne Vorbehalt, und sind wir bereit, ihn immer wieder zu bestätigen, unser ganzes Leben lang, - oh wie sehr erfahren wir dann, daß der Schatz uns trotz allem nur geschenkt und nachgeworfen war, mit mehr Zugaben - mit allem, was Sie selber rühmten! -, als wir je erwarten konnten, als wir je verkraften und ausschöpfen können! Wie erfahren wir Gottes Reichtum in der, Unzulänglichkeit, im Mangel, inmitten allen menschlichen Versagens! Wie sehr erweist sich Gottes Kraft stärker als alle Hindernisse, die ihm der Mensch sozusagen in Seinem eigensten Bereich entgegenstellen kann! Wie sehr erkennen wir unser ganzes Dasein in der Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung, in diesem beseligenden Wunder, welches nur inmitten der Armut und der Hilflosigkeit bewirkt werden konnte! Wie lassen wir uns gerne beschenken und überraschen - ja, und auch loben für das, was nur Mitgift der Kirche auf ihrem Pilgerweg ist, - warum nicht? Wissend freilich, daß wir auch in diesem Bereich auf gut christlich nur besitzen dürfen,- als besäßen wir nicht. Wir dürfen auf Erden schon sehr viel erfahren vom Wunder der "Wirklichkeit Gottes unter uns, aber zuletzt ist es doch nur ein Bruchteil von dem, was Er denen bereitet hat, die Ihn lieben. Auch in Bezug auf die Kirche leben wir vor allem im Geheimnis, aus dem Glauben und in der Hoffnung, und deshalb lieben wir -sie, - und nun entschuldigen Sie bitte, daß dieses stammelnde Zeugnis einer Liebe so lang und doch so hilflos geworden ist. Aber wer kann seiner Liebe Worte geben? 

<733> 

Vorbemerkung der Schriftleitung 

Wir sind uns der Tragweite dieser Veröffentlichung bewußt. Ida Görres hat den Beitrag nicht aus eigenem Antrieb geschrieben; wir haben sie darum gebeten. Warum gerade lda Görres? Weil wir von ihr wußten, daß echte Liebe zur Kirche, Lebenserfahrung und ein wacher, für die Nöte der Zeit und des Kirchenvolkes auf geschlossener Sinn in ihr eine fruchtbare Einheit bilden. Sie lebt in der Welt mit der Kirche, aus ihr und durch sie. Also wird sie mit Gottes Hilfe rechtmachen, was zu tun notwendig geworden ist.

lda Görres hat den Inhalt des Manuskriptes zuerst anderen vorgelegt, ehe es uns, die wir ihn angeregt hatten, zur Kenntnis gebracht wurde. Auch ein katholischer Seelsorger hat ihn vorgeprüft. Dann kamen wir. Es ist kein Satz und kein Wort in dem Beitrag, die nicht wohl überlegt wären. 

Wir bitten unsere Leser - die katholischen, die evangelischen, die andersgläubigen, die religiös gleichgültigen und die Heiden -, nichts aus seinem Zusammenhang zu nehmen, alles in dem Geist zu lesen, in dem es geschrieben ist, vor allem aber die Absicht nicht außeracht zu lassen, die uns und die Verfasserin geleitet hat: die Kirche richtig zu sehen und damit dem Heil aller Kinder Gottes zu dienen, wo immer sie gehen oder stehen mögen, ob sie sich geborgen oder verlassen fühlen, ob sie glauben, zweifeln oder ungläubig sind, in der Kirche zuhause oder da, wo der Herr sie mehr sucht als die neunundneunzig Gerechten; auch den Lauen wollten wir Geschmack geben, damit sie nicht am Ende ausgespien werden müssen.

Sorge haben wir davor, auf gewisse Kleriker keinen andern Eindruck zu machen als einen schlechten. Gerade auf sie kommt es uns aber besonders an. Denn sie erliegen immer wieder den Versuchungen ihres Standes, die der Teufel für sie ersonnen hat, weil er weiß, was er an jedem Priester hat, den er mit abertausend Schlichen ins Netz bekommt. Wie gern verschanzen sie sich „Laien gegenüber" hinter einer Autorität, die nichts wert ist, wenn sie nicht vom Herzblut des Guten Hirten gespeist wird. Sie sollten das „Tagebuch eines Landpfarrers" lesen, das Georges Bernanos geschrieben hat. Ihr aller Patron, der heilige Pfarrer von Ars. würde uns den Brief von Ida Görres, für den wir mit ihr zusammen verantwortlich sind, nicht übelnehmen. 

Dem Beitrag werden weitere folgen, damit die Rastlosen beruhigt und die Allzuruhigen beunruhigt werden und die Öffentlichkeit und Offenheit der Erörterung hergestellt wird, ohne die heute unser Anliegen nicht mehr gefördert werden kann. Denn das sehen wir als eine unserer Aufgaben an. Wir haben nicht das Recht, uns dieser Pflicht zu entziehen, gerade im Herzbereich nicht, von wo die eigentliche Erneuerung ihren Ausgang nehmen soll, in der Kirche, die ja nicht bloß im Verborgenen wirkt, die vielmehr Salz sein soll, das nicht schal wird, und das Licht auf dem Scheffel, das Leuchtkraft über alle Massen besitzen muß. Was an uns ist, wollen wir tun, um dieser Sache zu dienen, auch wenn wir wissen, daß andere es besser könnten und berufener wären. Aber sie stehen nicht an unserem Platz. 

Und nun sind wir bereit, vom Rest mißverstanden zu werden. 

Kogon. Dirks. Münster. 

 
 

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